Geistlicher Impuls zum 23.05.2012
»Wir lesen zwar, Wein passe überhaupt nicht für die Mönche, weil aber die Mönche heutzutage sich davon nicht überzeugen lassen, sollten wir uns wenigstens darauf einigen, nicht bis zum Übermaß zu trinken, sondern weniger. Denn der Wein bringt sogar die Weisen zu Fall.« (Benediktsregel, 40. Kapitel, Vers 6f)
Die Art, wie Benedikt die Frage des Weingenusses regelt, kann als ein Beispiel für die hohe Kunst der „discretio" - wir würden dafür vielleicht Kompromissfähigkeit sagen – gelten. Er erinnert zunächst an das Ideal, indem er die Stimme der Tradition zitiert, wonach sich Mönche des Weines enthalten haben. Er weiß aber auch um die Veränderungen der Verhältnisse und Menschen. Seine Lösung kommt beiden Seiten entgegen und erliegt weder der Gefahr des Rigorismus, der das Ideal um jeden Preis verteidigt, noch der des Laxismus, der sich fraglos den Erwartungen und Wünschen der Zeit beugt. Bei diesem Vorgehen hat man nicht den Eindruck, hier werde ein fauler Kompromiss vereinbart. Die Hintergründe werden klar aufgedeckt, die Ansprüche werden beim Namen genannt, das Verlangen nach einem gerechten Ausgleich wird offen ausgesprochen. Der Kompromiss, der dadurch zustande kommt, verrät ein echtes inneres Verhältnis zu beiden Seiten, er fungiert als Anwalt beider, so dass keine am Ende nur als Gewinner oder Verlierer dasteht.
Uns interessiert in diesem Zusammenhang die Einstellung und Mentalität, die sich darin offenbaren. Diese besitzen unweigerlich ein feines Gespür für Forderungen, Ansprüche, Verhältnisse und Situationen, deren Möglichkeiten und Grenzen. Die Kompromissfähigkeit und -bereitschaft stellen einen Prüfstein für unser menschliches Miteinander dar; sie sorgen dafür, dass altes Leben sich nicht für absolut setzt noch einfach spurlos untergeht. Gleichzeitig stellen sie die Weichen so, dass neues Leben keimen und wachsen darf. In der Gestalt der „discretio" gibt uns Benedikt einen wertvollen und höchst praktischen Schlüssel zur Lösung mancher in der Gegenwart anstehender Probleme in die Hand.
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts