Geistlicher Impuls zum 23.05.2012
»Der Cellerar mache die Brüder nicht traurig. Falls ein Bruder unvernünftig etwas fordert, kränke er ihn nicht durch Verachtung, sondern schlage ihm die unangemessene Bitte vernünftig und mit Demut ab.« (Benediktsregel, 31. Kapitel, Vers 6f)
Die Wirtschaft hat es nach Benedikt nicht nur mit Zahlen, Bilanzen, Gewinnen, Erfolgen oder Leistungen zu tun, sondern auch mit konkreten Menschen. Wenn die Gesetze des Profits den Ton angeben, bleibt der Mensch früher oder später auf der Strecke. Er selber ist dann nicht interessant. Was zählt, ist allein seine Arbeit oder die Leistung. Eine sich an sachlichen Prinzipien und Prioritäten orientierende Wirtschaft besitzt einen Blick für funktionierende Maschinen, nicht aber für Individuen. Der Zusammenhang zwischen Arbeit und Sinnerfüllung, Arbeit und Wohlbefinden, Arbeit und Motivation tritt in den Hintergrund. Selbst dort, wo Kooperation, Teamgeist, Begeisterung und Kommunikation groß geschrieben werden, geschieht das im Interesse der Effizienz. Der Pakt zwischen Wirtschaftlichkeit und Menschenfreundlichkeit steht auf schwachen Füßen.
Zur Erklärung und Rechtfertigung der bestehenden Verhältnisse, die durchaus nicht ideal sind, beruft man sich in der Regel auf das „System", höhere oder äußere Zwänge bzw. Gesetze. Es fehlt nicht an Signalen, die zeigen, wie viele an der Unmenschlichkeit unserer Wirtschafts- und Beschäftigungswelt leiden. So fragt man beispielsweise nach den Voraussetzungen erfolgreicher Kooperation; diese liegen durchaus auch im personalen und persönlichen Bereich. Man erkennt die Notwendigkeit einer charismatisch zu nennenden Führung, welche die Person des Führers entscheidend in den Mittelpunkt rückt, der es obliegt, gemeinsame Motive, Ziele und Werte überzeugend zu verkörpern. Es gibt eine Reihe von Vorschlägen und Überlegungen zur Gestaltung eines Feedback-Gesprächs mit klaren Vorstellungen zur Rolle des Feedbackgebers bzw. -empfängers. Ob sich hier nicht Hintertüren auftun, die von der Weisheit und Erfahrung Benedikts keineswegs so weit entfernt sind?
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts