Geistlicher Impuls zum 07.02.2012
»Den Nächsten lieben wie sich selbst.« (Benediktusregel, 4. Kapitel, 2)
Was heißt: den Nächsten lieben? Was heißt: sich selbst lieben? Diese uralten Fragen stellen sich für jeden und mit jeder Situation neu und konkret. Wir glauben, darüber Bescheid zu wissen, was Liebe bedeutet. Aber oft ist das nur ein Abbild dessen, was wir uns selber zurechtgelegt haben. Wo wir selber in der Bestimmung von Liebe die Hand entscheidend im Spiel haben, kommt es gewöhnlich zu einer Karikatur davon. Wir nehmen nur zu gern das Maß von unseren eigenen Schuhen. Es ist höchst gefährlich, wenn wir Liebe von uns aus „definieren“ wollen. Von uns aus werden wir nur sehr schwer beim Nächsten wirklich ankommen oder landen.
Die Liebe deckt auf, wie wir unseren Nächsten sehen, empfinden, einstufen, beurteilen. Ist er wirklich unser Nächster, unser wahres und echtes Gegenüber? Nehmen wir ihn als solches ohne Abstriche, Verzerrungen und Verzeichnungen wahr? Es ist gar nicht so selten, dass er von uns als einer erfahren wird, der von uns etwas will, der nach unserer Hand, unserem Herzen, unserer Liebe greift. In solchen Situationen sind wir sehr reserviert, überempfindlich und verschlossen. Wir wollen lieber selber festlegen, wer als unser Nächster gelten soll. Im Grunde haben wir Angst vor dem anderen, der als Nächster in unser Leben tritt und von seiner Warte aus an uns die Forderung der Liebe richtet. Es ist das Gebot der Nächstenliebe, das uns mit dem ganzen Risiko der Liebe konfrontiert. Ohne Risiko gibt es keine Liebe, vor allem keine Nächstenliebe. Wer dieses Wagnis nicht eingeht, der schont vielleicht die heile Haut seines Ich, geht aber gleichzeitig des Lohnes und Gewinnes der Liebe, ja der Liebe selber verlustig. Liebe steckt an, öffnet und befreit; sie gewinnt, indem sie verliert.
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts