Geistlicher Impuls zum 23.05.2012
»Wenn ein Abt die Weihe eines Priesters oder Diakons erbitten will, so wähle er aus seinen Mönchen einen aus, der würdig ist, den priesterlichen Dienst auszuüben. Der Geweihte aber hüte sich vor Überheblichkeit und Stolz. Das Priesteramt sei ihm kein Anlass, den Gehorsam und die Ordnung der Regel zu vergessen, sondern er schreite mehr und mehr auf Gott zu.« (Benediktsregel, 62. Kapitel, 1-4)
Die Benediktsregel besitzt ihr eigenes Priesterbild. Das ist kein Sonderfall, sondern eine allgemeine Gegebenheit. Der Akzent liegt dabei auf Qualitäten wie Gehorsam, Demut, Regeltreue, Gewissenhaftigkeit oder Selbstentäußerung, Haltungen, auf die heute weniger Wert gelegt wird. Bei allem zeitbedingten Wandel gibt es dennoch einige Konstanten, die sich gleichsam durchhalten. Wandel eines Berufsbildes kann unmöglich bedeuten, dass bestimmte Erfordernisse ganz verschwinden. Es verhält sich vielmehr so, dass sie in einem etwas anderen Kleid als Voraussetzungen oder Komponenten anderer im Augenblick mehr gefragter Verhaltensweisen durchaus präsent bleiben. Eigenschaften wie Teamfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Kontaktfreudigkeit, Kommunikationskraft, Organisations-, Animations- und Inspirationstalent usw. erweisen sich nur dann als beständig, überzeugend und echt, wenn sie einen entsprechenden spirituellen, charakterlichen und asketischen Unterbau besitzen, d.h. die Unterschrift eines persönlich gestalteten Lebensstils tragen. In der Weiheliturgie des Priesters heißt es sinngemäß: „Bedenke, was du tust, ahme nach, was du vollziehst, und stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes.“
Ähnliche Überlegungen lassen sich auch im Falle anderer Berufe anstellen, die hohe Anforderungen an ihre Bewerber oder Träger stellen. Können bzw. Vermögen und Verhalten lassen sich nicht auseinander dividieren. Das hat nicht nur mit der Glaubwürdigkeit der Person selber etwas zu tun, sondern auch mit der konkreten Ausübung, dem Vollzug ihrer Tätigkeit. Die so geläufige Unterscheidung zwischen „im Dienst“ und „außer Dienst“ kennt auch Einschränkungen und Grenzen.
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts