Geistlicher Impuls zum 07.02.2012
»Die Zeit zum Gottesdienst am Tage und in der Nacht anzukündigen sei Sorge des Abtes. Er gebe selbst das Zeichen oder übertrage die Sorge dafür einem gewissenhaften Bruder, damit alles zur rechten Zeit geschieht.« (Benediktsregel, 47. Kapitel, Vers 1)
Benedikt hält die Ankündigung der Zeiten zum Gottesdienst für so wichtig, dass er den Abt verpflichtet, dafür Sorge zu tragen. Unter dem Vokabular, das er dafür verwendet, fallen zwei Formulierungen auf: einmal betont er, dass zum Beginn des Gottesdienstes nicht einfach geläutet wird. Das Gebet wird vielmehr angekündigt. Das ist eine gehobenere, der Bibel entlehnte Ausdrucksweise, die deutlich macht, dass uns Gott selber dazu ruft und einlädt. Zum anderen spricht Benedikt von der „Zeit", eigentlich der „Stunde zum Gottesdienst". Gemeint ist damit die rechte, günstige oder beste Zeit, der für etwas von einer höheren Warte aus bestimmte oder festgesetzte richtige Zeitpunkt.
Benedikt ist viel daran gelegen, dass alles zu seiner Zeit geschieht. Das heißt: Zeit ist nicht etwas Beliebiges, Unbestimmtes oder Neutrales, sondern Geschenk, Gnade, Heilszeit. Die „rechte Stunde" weist auf jenen Zeitpunkt hin, der für eine Entscheidung, ein Tun, ein helfendes oder klärendes Wort geradezu prädestiniert ist. Es ist nicht alles jederzeit gleich gut möglich. Es gibt für vieles bevorzugte Zeiten oder Gelegenheiten. Diese lassen sich an keiner Uhr und keinem Kalender ablesen. Es ist auffallend, wie genau z.B. Jesus wusste, wann „seine Stunde" gekommen war, wie er auch in der Begegnung mit Menschen immer den „rechten Augenblick" erspürte. Um für das besondere Gewicht einer Stunde sensibel zu werden, ist es nötig, gut hinhorchen zu können, in der Gegenwart zu leben, die konkrete Situation und ihre äußeren wie inneren Möglichkeiten gewissermaßen stimmungsmäßig wahrzunehmen. Wer in diesem Sinn zeitintensiv lebt, der ist imstande, alles zur rechten Zeit zu tun. Nach der Erfahrung und Überzeugung Benedikts lehrt das Beten den rechten Umgang mit der Zeit, es öffnet Auge und Herz für das, was jeweils ansteht. Haben wir eine solche „Uhr"?
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts