Geistlicher Impuls zum 07.02.2012
»Weigert sich einer anzunehmen, was der Obere ihm angeboten hat, dann soll er überhaupt nichts erhalten, wenn er zu einer anderen Zeit verlangt, was er vorher ausgeschlagen hat, oder wenn er sonst etwas haben will. Das gilt, bis er sich entsprechend gebessert hat.« (Benediktsregel, 43. Kapitel, Vers 19)
Vordergründig ist die Frage, die hier verhandelt wird, nicht unbedingt unser Problem. Unterschwellig aber geht es um Geben und Nehmen, Haben und Empfangen, Verlangen und Erhalten, also um Vorgänge, die sich tagtäglich zwischen uns abspielen. Wie gehen wir damit um, wie kommen wir damit zurecht? Wir haben wie in vielen anderen Bereichen des Lebens auch hier unsere eigenen Vorstellungen und Erfahrungen. Wir kennen Menschen, denen das Bitten um etwas oder das Verlangen schwer fällt, auch wenn sie einen Anspruch oder ein Recht auf etwas haben. Die Gründe dafür können sehr verschieden sein. Bescheidenheit, Zufriedenheit, Genügsamkeit, aber auch Stolz, Überlegenheit, Unabhängigkeit, Argwohn, Misstrauen, Missverständlichkeit oder Ähnliches können dabei die Hand im Spiel haben. Es gibt aber auch Menschen, die es nicht fertig bringen, sich etwas schenken zu lassen oder etwas anzunehmen. Auch in diesem Fall können recht unterschiedliche Motive ausschlaggebend sein, sowohl sehr selbstlose als auch höchst selbstsüchtige.
Allgemeine Regeln oder Festlegungen helfen hier wenig weiter, da es sich gewöhnlich um konkrete Fälle handelt. Was gefragt ist, ist ein hohes Maß an Diskretion und Fingerspitzengefühl. Dabei gilt es Rücksicht zu nehmen auf die jeweilige Situation und die näheren Umstände, die einzelnen Adressaten und Betroffenen. Eine entscheidende Voraussetzung und Hilfestellung scheint darin zu liegen, ob es jemandem gelingt, bis zu einem gewissen Grad von sich selber, seinen vermeintlichen Stärken, Vorurteilen und Einbildungen abstrahieren zu können. Ein solcher Mensch kann auch zu seinen Bedürfnissen, Nöten und Grenzen stehen. Er weiß, dass wir alle keine Selbstversorger sind. Das anzuerkennen, ist nicht nur Demut, sondern auch hilfreiche Wahrheit.
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts