Geistlicher Impuls zum 07.02.2012
»Stets denke der Abt daran: er hat die Aufgabe übernommen, Menschen zu führen, für die er einmal Rechenschaft ablegen muss.« (Benediktusregel, 2. Kapitel, 34)
Benedikt beschreibt die Aufgabe des Abtes als Menschenführung. Wir sind solchen Ansprüchen und Forderungen gegenüber reserviert. Wir fragen: Was kann eine „Vaterfigur“, wie Benedikt sie zeichnet, in einer Gesellschaft, die vom „Vater-Kollaps“ bedroht ist, noch bedeuten? Es fehlt nicht an Lebensbereichen, in denen uns nach wie vor Autorität begegnet. Wir brauchen nur an unser häusliches oder politisches Umfeld, unseren Arbeitsplatz und unser Beziehungsnetz zu denken. Überall ist Kooperationsbereitschaft und Verfügbarkeit, Ein- und Unterordnung gefordert. Autorität kann viele Gesichter haben, ein menschliches, aber auch das einer anonymen Einrichtung und Größe. Von unserer Einstellung zu ihr hängt nicht zuletzt auch unser menschliches Befinden, unsere menschliche Selbstverwirklichung und Entfaltung ab. Zeigt diese Autorität im guten Sinn „väterliche“ Züge, dann werden wir davon nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich profitieren.
Bei aller Skepsis der Erscheinung von Vätern gegenüber begeben sich viele auf die Suche nach einem Guru, Weisen oder Meister für ihren eigenen Weg. Von ihm erwartet man, dass er sich selber kennt, sein Inneres und die Vorgänge in ihm zu durchschauen vermag, sein Äußeres und Inneres in der Hand hat, im Umgang mit seinen Gedanken und Regungen eine bestimmte Überlegenheit und Reife besitzt, ein hinreichendes Maß an Erfahrungen und Erfahrung aufweist, um bei sich und anderen die Geister unterscheiden zu können. Auf diesen Voraussetzungen fußt der Dienst eines geistlichen Helfers oder Beraters. Es wird vor allem ein Dienst der Anleitung, der Einweisung in eine umfassende kritische Selbstwahrnehmung, der Korrektur, der Ermutigung, der Unterscheidung und der Entscheidung sein.
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts