Buch
Am Kanal der blauen Glocken
Künstlerkolonie und Königsschloß Nymphenburg-Gern. Erlebte Stadtgeschichte
Nymphenburg-Gern - Topviertel Münchens mit historischem Flair heute, zur Prinzregentenzeit Vorstadtidylle mit Superlativen. Eine hochrangige Künstlerkolonie vom "Reißbrett" entwickelte sich ab 1892, in der zeitweise über 70 Künstler wirkten, darunter mit die besten Karikaturisten der berühmten Satirezeitschrift "Simplicissimus" wie Th. Th. Heine. Außerdem entstand es als revolutionäres Architekturmodell, als erste gutbürgerliche Reihenhaussiedlung der boomenden Stadt, mit zahlreichen Ateliervillen durchmischt. Und im Lustschloß Nymphenburg residieren die nobelsten Bewohner Bayerns, die Wittelsbacher, die mit weltlichem Prunk und geistlicher Protektion seit der Barockzeit das Viertel in seiner einzigartigen Form mitprägten.
Das Buch enthält zahlreiche (Farb-)Abbildungen, Karikaturen und eine ausklappbare Routenkarte zum Nachwandern
Die Autorin hat Geschichte und Literatur (Promotion) studiert, war Redakteurin beim Bayerischen Fernsehen und Leiterin einer Pressestelle. Sie ist Gernerin, ihre Vorfahren zählten zu den "Ureinwohnern" der Musterkolonie. Ihr Onkel Gerhardt Hentrich, Karikaturist u.a. beim "Simplicissimus", starb 1973 als einer der letzten Zeitzeugen der ehemaligen Künstlerhochburg.
Auszug:
Kapitel 7: Die rote "Simplicissimus"-Bulldogge und andere bissige Gerner Karikaturisten
Im Eckhaus Klug-/Böcklinstraße wohnte Thomas Theodor Heine, in der Gerner Straße (damals Nummer 4, später 32) Bruno Paul, in der Wilhelm Düll Straße (mit mir unbekannter Hausnummer) Karl Arnold und Rudolf Wilke. Das waren allein vier der besten Illustratoren aus der Redaktion der berühmtesten, berüchtigsten und auflagenstärksten deutschen Satirezeitschrift dieser Zeit. Die Angriffe im "Simplicissimus" auf das Establishment und die Macht- und Prachtentfaltung des Reichs in der Ära Kaiser Wilhelms II. wurden wöchentlich jeden Dienstag in ganz Deutschland mit breiter Öffentlichkeit und hoher Aufmerksamkeit verfolgt - von der Justiz bei Skandalträchtigkeit auch mit höchster Strenge und Festungshaft oder Exil für die Urheber.
Ebenfalls in der Klugstraße wohnt außerdem Friedrich Wahle, Mitarbeiter der satirischen "Fliegenden Blätter". Und in der schon besuchten Tizianstraße 91 mein Onkel Gerhardt Hentrich, der für die "Fliegenden Blätter", die "Jugend", den "Phosphor" und später den neuen "Simplicissimus" zeichnete.Mit den Karikaturisten schwammen ausgerechnet einige der progressiv-aggressivsten Hechte der Kunstszene Deutschlands im gutbürgerlichen, eher idyllisch konservativen Karpfenteich der Gerner "Muster-Colonie". Eine "ökologisch" durchaus interessante Mischung.(...)
Th. Th. Heine, der politisch schärfste und deshalb bald meistgehaßte Zeichner, gestaltete überwiegend die Titelseiten. Was wiederum dem nicht tagespolitisch interessierten Rudolf Wilke, dem hintergründigen Darsteller von Unterprivilegierten des Systems, von Landstreichern und Bettlern, wegen fehlender Angriffslust verwehrt blieb. Das Ressort von Eduard Thöny, dem militärischen Umgangsformen- und Uniformenkenner, war der "Wehrstand" mit seinem Inbegriff, den schnoddrigen preußischen Leutnants. Bruno Paul war wie Heine innen- und außenpolitischer Generalist, sein weiteres Ressort waren Milieutypen schlechthin, darunter vor allem der "Nährstand" mit dem Prototyp des Dachauer Bauern. Das Fach des Österreichers Ferdinand Freiherr von Reznicek, dem ehemaligen Kavallerieoffizier, war die mehr oder weniger mondäne Halbwelt und die Gesellschaftsmoral. Josef Benedikt Engl, der einzige Altbayer, mit seinen rundköpfigen Durchschnittstypen war eher für den Mittelstand, Spießbürger und Pfaffen, Wilhelm Schulz für das Romantisch-Idyllische zuständig. Karl Arnold und Olaf Gulbransson, die mit Heine langjährigsten und ergiebigsten Mitarbeiter, waren im Vergleich dazu geniale Allrounder.
Der Oberwadlbeißer Deutschlands Th. Th. Heine
Thomas Theodor Heine (1867 - 1948) war der inoffizielle und von allen bewunderte Chef des Simplteams, geistiger Führer und politischer Exponent nach außen (22).
Heine prägte das künstlerische Niveau des bald zu europäischer Geltung aufsteigenden Blattes, nicht nur, weil er das unsterbliche Titelbild entwarf: Die rote Bulldogge, ihre zerrissene Kette um den Hals, breitbeinig und bissig die Freiheit verteidigend. Zum aggressiven Wappentier des Simpls hat Heine in bester Ironie und Doppeldeutigkeit die eigenen niedlich-phlegmatischen Möpse umverwandelt, für die er ein Faible hatte und die sein trautes Heim in Gern bevölkerten.
Dazu entwarf Heine, auch im Bereich der damals modernen Künstlerplakate an der Spitze seiner Zeit, die wunderbare Werbegraphik im Jugendstil für den Simpl, die zu dessen Einführung an allen Litfaßsäulen hing: Der die Satire verkörpernde Teufel umfaßt die Taille einer eleganten Malerin, Symbol der Kunst, beide in fröhlich beschwingter Aufbruchsstimmung.
Heine war, wie fast alle Illustratoren des Simpl, erstens akademisch ausgebildeter Maler und zweitens Wahlmünchner, angezogen vom Glanz der Kunstmetropole. Er war 1867 in Leipzig geboren, von der Düsseldorfer Kunstakademie und der Ausbildung als Historienmaler 1889 nach Schwabing "geflüchtet" und von dort als Leibl-Verehrer bald für drei Jahre nach Dachau gezogen. Dort malt er Freilichtbilder, Landschaften, Torfstich im Moos - und Angler an der Amper so gediegen, daß Lovis Corinth ihn für die so treffende Wasserdarstellung extra belobigte. Er ist Mitglied der ersten Secession und stellt Bilder im "Glaspalast" aus, von denen viele im Krieg zerstört wurden.
1901 kauft Heine für sich und seine Familie das Gerner Atelier-Eckhaus Klug-/Böcklinstraße mit kleinem Garten von einem Kunstmaler. Bis hierher klingt Heines Vita mit der Abfolge Zuzug nach München-Schwabing, Dachauer Malschule, Gern recht zeittypisch und nicht viel anders als zum Beispiel die Röths.
Der Blitz zündete unmittelbar mit der Gründung des "Simplicissimus". Heine gehörte von Anfang an und an erster Stelle dazu. Schon 1898, zwei Jahre später, war der Biß von Heines Bulldogge so kräftig-schmerzhaft, daß es zu einem deutschlandweit vieldiskutierten Justizskandal kam. Der wirkte sich allerdings wie Werbung aus, was die Auflage des Simpl noch verdoppelte und seinen Ruf festigte.
Kaiser Wilhelm II. hatte auf seiner Palästinareise, die Absatzgebiete für deutsche Waren erkunden sollte, nicht nur der Türkei, sondern allen dreihundert Millionen Muslims den Schutz des Deutschen Reichs versprochen. Diese vollmundige, diplomatisch schädliche Rede mit religiösen Untertönen verspottete Heine in einer Zeichnung, die Wilhelm als Kaiser Barbarossa mit einer Kombination von Tropenhelm und Pickelhaube auf ebenfalls vergeblichem Kreuzzug zeigt. Heine und Frank Wedekind, der das begleitende Gedicht verfaßt hatte, saßen wegen Majestätsbeleidigung sechs Monate in sächsischer Festungshaft, Verleger Langen mußte für fünf Jahre vom Exil in der Schweiz aus die Münchner Zeitschrift managen.
Für immer ins Exil floh Heine, der jüdischer Abstammung war, nach fast 40 jährigem Wirken für den Simpl, als dieser 1933 so gut wie "gleichgeschaltet" wurde.
Um 1916 hatte Heine ein (Zweit)Haus in Dießen am Ammersee gekauft. Seine Wahl hatte einen hauptsächlichen Grund darin, daß das benachbarte Holzhausen einen dörflich-idyllischen Künstlerort am See vor allem für den Sommer darstellte und durch das Ehepaar Gasteiger die Verbindung mit Gern wie mit dem Simplicissimus-Mitarbeiterkreis überhaupt längst hergestellt war.
Heines Simpl-Kollege Eduard Thöny war seit 1908 (bis zu seinem Tod 1950) ebenfalls auf einem Seegrundstück neben dem Gasteigeranwesen ansässig und mit den gastfreundlichen Nachbarn gut befreundet. Er stellte wohl den Kontakt zu den anderen Simplicianern her, vor allem zu Olaf Gulbransson, der sogar für einige Zeit in Holzhausen lebte, und zu Heine, der mit ihnen über zwanzig Jahre in Verbindung blieb. Er verzierte nicht nur das Poesiealbum der einzigen Gasteigertochter mit einem seiner berühmten Möpse. Kunstkritiker urteilen, daß eine Reihe von zeitkritisch-ironisierenden Skulpturen von Mathias Gasteiger, die im Gerner Garten zum Verkauf standen wie das "Brunnenbuberl" oder der "Storchenbrunnen", bei dem der Storch einen kleinen Knaben mit einem Regenwurm füttern will, an Karikaturen Heines oder Gulbranssons im Simpl erinnern. Mit Ludwig Thoma, dem schreibenden Simpl-Mitarbeiter, war das Ehepaar Gasteiger seit der gemeinsamen Dachauer bzw. Deutenhofener Zeit vor 1900 befreundet. Thoma hatte schon 1902 sein Buch "Assessor Karlchen und andere Geschichten" Anna gewidmet, 1909 schickt er ihr die Erstausgabe der "Filserbriefe" (mit zwanzig Zeichnungen von Thöny) mit herzlicher Widmung.
Das exquisite "Sommerlandhäuschen" und der Park der Gasteigers bildeten den Rahmen für unzählige Künstlertreffs und -feste. In kreativer Offenheit verband das Paar die Künstlerkolonie Holzhausen mit der Künstlerhochburg Gern. Und man könnte fast sagen, mit dieser Zentrierung stellte der Ammersee bei Holzhausen damals eine Art bescheideneres westliches Pendant zum vielgeliebten Tegernsee und den dort (zweit)wohnenden Simplicianern und Künstlern vor allem im Osten Münchens dar.
Und wie in Rottach-Egern am Tegernsee so liegt auch im Holzhauser Dorffriedhof, mit weitem Blick über den Ammersee bis hinüber nach Andechs, neben den Ureinwohnern, einheimischen Bauern und Fischern, eine Reihe von großstädtischen Kunstprominenten. Darunter Mitglieder der Künstlervereinigung "Scholle" wie Fritz Erler und Paul Neu sowie Eduard Thöny und die Gasteigers, die auch in ihren Grabstätten nahe Nachbarn blieben.
1919 verkauft Heine das Haus in der Klugstraße, behält das in Dießen. Aber Frau und Tochter kehren wohl nach 1933 nach Gern zurück, nachdem Heine sie nicht mit ins schwedische Exil mitnahm. Dort starb er 1948 in Stockholm. 1969 wurde Heines ehemaliges Haus abgerissen und ein Mehrfamilienhaus mit 16 Wohnungen an seine Stelle gesetzt. Nur noch das Haus Nummer 50 gibt in etwa einen Eindruck von dieser historischen ersten Atelierreihenhauszeile Heilmanns in München.
- AUTOR
- Ute Seebauer
- ERSCHEINUNGSJAHR
- 2006
- SEITEN
- 208
- ABBILDUNGEN
- mit 16 Seiten Farbabbildungen
- FORMAT
- 12 x 20 cm
- AUSSTATTUNG
- Fadenheftung, ausklappbare Karte
- ISBN
- 3-8306-7259-4
- PREIS
- 12,80 EURO